Das Bewusstsein nach Helmuth Plessner
Ein Mensch ist nach Plessner ein Wesen exzentrischer Positionalität, wenn er lebendig ist, mit Bewusstsein begabt erscheint und zudem noch reflektieren kann. Ein Tier ist ein Wesen zentrischer Positionalität, wenn es lebendig ist und mit Bewusstsein begabt erscheint. Dem Tier fehlt zum Menschsein also einzig das Vermögen zur Reflektion.
Für Helmuth Plessner ist das Vorhandensein von Bewusstsein also noch kein Indiz dafür, dass das Wesen, welches ihm gegen übersteht, auch ein Mensch ist. Vielmehr ist das bloße Vorhandensein von Bewusstsein ein Indiz für ein Wesen zentrischer Positionalität. Aber dennoch ist das Bewusstsein die Komponente des Lebendigen, die es eben diesem ermöglicht, sich zu sich selbst zu verhalten, ob reflektiert, wie der Mensch oder aus seiner Mitte heraus, wie das Tier.
Die Bewusstseinsgenese
Zunächst ist es nötig, das Tier aus der Betrachtung auszuschließen. Nicht weil es dadurch einfacher oder unkomplizierter wird zu erklären wie Bewusstsein entstanden ist, sondern weil es nach Plessner eben einzig dem Menschen gegeben ist sich die Frage nach dem Bewusstsein und dessen Entstehung zu stellen. Welche Maßstäbe und Kriterien man anschließend ansetzt, um Ähnlichkeiten und Übereinstimmungen mit dem Bewusstsein eines anderen Wesen festzustellen liegt im Ermessen des Beobachters. Wir können nicht sicher sein, ob unser Gegenüber tatsächlich ein Bewusstsein hat. Wir können nur nach bestimmten Kriterien entscheiden, ob wir unser Gegenüber als mit Bewusstsein begabt anerkennen oder nicht.
Wenn man nun also das Tier aus den Betrachtungen ausgeschlossen hat, weil der Mensch als beobachtende Instanz nicht beweisen kann, dass ein Gegenüber ein Bewusstsein hat und es fraglich ist ob die geltenden Kriterien noch immer haltbar sind, dann kann man festhalten, dass es Plessner um einen rational begründeten, verstehenden Zugang zur Natur geht und nicht um die Frage nach der phylogenetischen Entstehung von Bewusstsein. Es geht um die Kriterien, die wir ansetzten, um Wesen als mit Bewusstsein begabt zu erkennen.
Plessner stellt fest was sich ihm aktuell zeigt, kann aber nicht die entwicklungsgeschichtliche Distanz überbrücken, um zu erklären, wie es zu diesem aktuell Beobachtbaren mit Bewusstsein begabten Wesen gekommen ist. Aber den Anspruch hat Plessner auch gar nicht. Er ist lediglich der Meinung, dass wir uns nicht so viel auf unser Bewusstsein einbilden sollten.
Das Bewusstsein
Was aber meint Helmuth Plessner, wenn er von Bewusstsein spricht? Mit einer einfachen und klaren Antwort in Form einer Definition ist dem Begriff des Bewusstseins bei Helmuth Plessner nicht bei zu kommen.
Klar und deutlich sagt Plessner in den Stufen des Organischen und der Mensch jedoch was Bewusstsein nicht ist, nämlich „etwas Letztes, das, zwischen Leben und Sein unerklärlich ausgespannt, eine bloße Zone der Imagination und der Irrealität darstellte; deren ‚Entstehung’ aus organischer Materie und deren Verhältnis zum Körper (hoffnungslos) diskutiert werden müsste.“
Vielmehr „begegnet der Begriff des Bewußtseins – gemäß dem Grundprinzip einer ‚Steigerung’ in der allgemeinen Struktur des Lebendigen überhaupt – in einer charakteristischen Doppelrolle: Einerseits wird ihm die Monopolstellung […] unmißverständlich abgesprochen; es gibt Bewußtsein schon auf vormenschlicher Ebene des Lebens. […] Andererseits aber erhält dann doch beim Menschen das Bewusstsein, ineins mit seiner da nun besonderen Form, wieder seine ganz prinzipielle Bedeutung zurück.“
Um die Frage was für Plessner Bewusstsein bedeutet zu beantworten ist es notwendig sich noch einmal Plessners Bestimmung in den Stufen des Organischen vor Augen zu führen: Wesen zentrischer Positionalität erscheinen demnach ebenso mit Bewusstsein begabt, wie Wesen exzentrischer Positionalität:
„Bewußtsein ist […] nicht notwendig die in der Identifikation des Ichs mit sich selbst gestiftete Bezugsform des Subjekts zur Gegenwelt, wie sie dem Menschen wesentlich ist. Bewußtsein braucht nicht Selbstbewußtsein zu sein.“
Wenn also Bewusstsein nicht bedeutet auch ein Bewusstsein von sich selbst zu haben, dann stellt sich die Frage nach der Organisationsform von Bewusstsein.
In Anlehnung an Jakob von Uexkülls Biologie der Lebensplanforschung versteht Plessner das Bewusstsein als eingebettet in die Sphäre der Existenz. Diese „‚sphärische Einheit von Subjekt und Gegenwelt’ ist […] überall dort gegeben […] wo rezeptiv-motorisches Verhalten des Organismus gegenüber seinem Umfeld stattfindet.“
Nach Uexküll ist ein Lebewesen spezifisch in seine Umwelt eingepasst. Interaktionen mit der Umwelt können nur im Rahmen des Lebensplans, d.h. der gattungsspezifischen Gestelltheit gegenüber der Umwelt, geschehen. Diese Gestelltheit gegenüber der Umwelt regelt auch wie weit diese Interaktionen reichen können, „von größtmöglicher gattungsmäßiger Festlegung des Reiz-Reaktionsschemas bis zur größtmöglichen Freigabe der Reaktion an das einzelne Lebewesen.“ Ist ein Lebewesen besonders stark in seine Umwelt eingepasst, wie z.B. Einzeller, dann wird das Bewusstsein übergangen oder aber eben gar nicht erst ausgebildet, da es für das Leben an sich unnötig ist. Ist die Eingepasstheit des Lebewesens in seine Umwelt schwach ausgeprägt, dann wird ein Bewusstsein nötig, um ein möglichst umfassendes Bild der Umwelt bewusst wahrnehmen zu können, damit zwischen der Masse an Reaktionsmöglichkeiten ausgewählt werden kann.
So ist Bewusstsein auch ohne Selbstbewusstsein möglich und zwar als ein „Merkbewusstsein oder Bewusstsein des Aktionsfeldes in dem Sinne, daß das Umfeld des Tieres strukturiert wird und das Tier seine Bewegungen bemerkt“ und bewusst zwischen Alternativen Verhaltensweisen wählen kann. Oder um es mit den Worten Helmuth Plessners zu sagen:
„Die Strukturgesetzlichkeit des Bewusstseins gehorcht streng den umfassenderen Strukturgesetzen der Lebenspläne. So gehorcht auch die anschaulich-wahrnehmungsmäßige bzw. die rational-interlektuelle Verbundenheit zwischen Subjekt und Objekt den elementaren Weisen der Eintracht zwischen Lebewesen und Welt.“

Das Bewusstsein nach Helmuth Plessner
Für Helmuth Plessner ist Bewusstsein also nicht etwas Immaterielles im Sinne des Dingkerns, hinter dessen letztes Geheimnis man nicht kommen kann, sondern: „Die Sphäre, in der die Welt um mich geschart ist, nennen wir das Bewusstsein.“
Das heißt jedes Phänomen, was Wesen zentrischer und exzentrischer Position erscheint und das es nicht selbst ist und das aktuell eine Aktion erfordert, wird durch das Bewusstsein vermittelt und strukturiert. Hier hat Plessner den Körper quasi in sich selbst verdoppelt, „in Peripherie und Zentrale, wodurch der lebendige Körper nun in sich selbst zu stehen [… kommt] und in seiner funktionalen Mitte alle Organe nochmals repräsentiert [… findet]. Dies ermöglichte dem Lebewesen nach außen Frontalstellung im Umfeld und nach innen die Kopplung der Sensorik und Motorik durch das Bewußtsein statt Instinkte.“
Das menschliche Bewusstsein
Nach dieser allgemeinen Bestimmung des Bewusstseins, soll es im nun Folgenden um die Spezifika des menschlichen Bewusstseins geben. Wie bereits angemerkt versteht Helmuth Plessner Bewusstsein nicht als rein menschliche Eigenschaft, es müssen zum Bewusstsein an sich also noch Komponenten hinzukommen, damit man dem menschlichen Bewusstsein gerecht wird.
Was sind diese Komponenten, die zu der größtmöglichen Freigabe der Reaktion an das einzelne Lebewesen, hinzukommen? Oder anders formuliert: Was unterscheidet also einen Menschen von einer Ratte oder einem Delphin, wenn man eine gleiche Konstitution von Bewusstsein voraussetzt?
Der Mensch ist qua seiner exzentrischen Positionalität in der Lage, nicht nur auf Umweltreize zu reagieren sofern sie aktuelle Aktionserfordernisse darstellen, sondern durch das Selbstbewusstsein des Bewusstseins sich selbst hinter der sensomotorischen Bewusstseinsebene auszumachen.
Dem Tier bleibt diese Möglichkeit verschlossen, da ihm durch seine zentrische Organisationsweise das Ding (ob Gegenstand oder Lebewesen) als Korrelat zwischen Umfeld und Funktionskreis erscheint. Die Abwesenheit von Dingen können einem Tier also nicht bewusst werden: Abwesenheit, Mangel, Leere – sind ihm verschlossene Anschauungsmöglichkeiten.
Dem Menschen ist es also möglich, Negativität bewusst wahrzunehmen. Er ist „auf Unbedingtes Unbestimmtes, Unendliches, hin zurück ins Abwesende, ins Nirgendwo-Nirgendwann, in eine Leere“ geworfen, dessen Herkunft Helmuth Plessner, wie schon einmal bei der grundlegenden Ableitung der Existenz bewussten Seins geschehen, durch Verdoppelung des Körpers zu erklären versucht.
Der Körper, der durch Peripherie und Zentrum verdoppelt worden ist, wird nun noch einmal verdoppelt und zwar nach Außen. Das hat man sich in etwas so vorzustellen:
Der schon doppelt vorhandene Körper, dessen Steuerung durch das Bewusstsein, aber eben auch und das begründet Helmuth Plessner mit dem Postulat der Steigerung der Stufen, die jeweils als Basis für die nächst höhere Stufe dienen, durch die Mitte, denn grundlegende Körperfunktionen, wie etwa die Atmung, der Herzschlag etc. können nicht bewusst gesteuert werden, ist nun in der Lage sein Bewusstsein von Dingen und Wesen außerhalb seiner Selbst auch auf sich Selbst anzuwenden. Und dieses Anwenden auf sich Selbst, also die Vermittlung zwischen diesem in die Gegenwelt projizierten eigenen Körper und dem Zentrum, der positionalen Mitte, übernimmt das Selbstbewusstsein. Es tritt zwischen das „spontane Verhaltenszentrum“ des Bewusstseins „das den Lebenskörper unmittelbar als die Mitte des Lebenskreises nimmt, und dieser zweiten zentrischen Positionsform, die funktional außerhalb des Leibkörpers, eben exzentrisch positioniert sein muß, weil von ihr her die Differenz zwischen Leibsein und Körperhaben wahrgenommen werden kann.“

Das Selbstbewusstsein nach Helmuth Plessner
Wenn man aus menschlicher Perspektive, und eine andere steht uns nun einmal nicht zur Verfügung, auf das Sein schaut, muss man, so Plessner, jede wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Sein mit einer Untersuchung des Bewusstseins begonnen werden. Dies liegt zum einen darin begründet, dass Menschen an subjektive Eindrücke (Sehen, Hören, Schmecken etc.) gebunden sind, sie aber trotzdem die Fähigkeit besitzen allgemeingültige Aussagen zu treffen. Diese Aussagen lassen sich nach Plessner auf zwei Aspekte der menschlichen Daseinsform zurückführen: Die natürlich, naive Ansicht der Welt (natürlicher Aspekt) und die reflektierte, kritische Ansicht der Welt (Reflexionsaspekt).
Der natürliche Aspekt ist die Gewissheit, dass wir in der Welt existieren, also dass uns bewusst wird, dass wir etwas anderes sind als die Welt um uns herum, jedoch nicht wer wir sind. Der Reflexionsaspekt ist die Ungewissheit des natürlichen Aspekts, der so den Menschen in sich selbst zurückwirft, also das Selbstbewusstsein ist.
Und an dieser Stelle wird die Auseinandersetzung mit dem Bewusstsein bei Helmuth Plessner noch einmal richtig interessant, denn dadurch, dass uns unsere Umwelt bewusst wird und diese eben nur durch das Bewusstsein vermittelt ist, haben „die[…] Dinge einen merkwürdigen Bezugsort […], und das ist das Bewusstseinszentrum. Hier hat man auf einmal einen vollkommenen Wechsel des Bezugsmediums. Man weiß nicht, welches von diesen beiden Bezugsmedien gilt eigentlich. Der natürliche Aspekt zeigt uns, dass wir in einer großen Medium ‚Welt genannt’, drin sind. […] So gibt sich der unser ganzes Leben begleitende Aspekt als ‚Eingeordnetsein’ in die Welt.“ Und der Reflexionsaspekt zieht dieses Eingeordnetsein in die Welt nun in Zweifel und macht das Selbst zum absoluten Bezugspunkt.
Plessner ist er der Meinung, dass ein Mensch, dem durch seine exzentrische Positionalität die zwei Aspekte gegeben sind, auch das Bewusstsein selbst eben nur als Bewusstseinsinhalt erscheinen kann. Eine Festlegung der Grenze des Bewusstseins oder die Suche nach der Bewusstseinsmitte ist daher von vornherein zum Scheitern verurteilt oder um es mit Plessner zu sagen:
„Wenn das Bewusstsein nicht festlegbar ist nach seinen Grenzen oder seiner Mitte, dann muß doch der Begriff, die Idee des Bewusstseins in sich widerspruchsvoll sein. Demgegenüber besteht aber offensichtlich doch der ganze Gedankengang zu Recht.“
Und warum man nun, trotz der Unmöglichkeit des Findens von Bewusstsein trotzdem davon ausgehen kann, dass es so etwas wie Bewusstsein tatsächlich gibt soll im Folgenden geklärt werden.
Vornehmlich liegt, so Plessner, die Fähigkeit nach dem Bewusstsein zu fragen im Bewusstsein selbst begründet. Plessner nennt es den Ich-Charakter des Bewusstseins. Der Ich-Charakter ist das Bewusstsein des Bewusstseins, also die Selbstbewusstheit des Bewusstseins.
Und an diesem Punkt muss wieder auf den impliziten Beobachter, den Plessner in den Stufen des Organischen mitführt, verwiesen werden. Dieser implizite Beobachter ist es, der die Unterscheidung von mit Bewusstsein begabt und nicht mit Bewusstsein begabt anstellt. Dass diesem Beobachter wiederum selbst das eigene Bewusstsein nur als Bewusstseinsinhalt erscheint, ist der Grund für die Unmöglichkeit des Auffindens des Bewusstseins.
Zu Beginn habe ich behauptet eine einfache Definition von Bewusstsein kann im Plessnerschen Sinne nicht gegeben werden. Dennoch hat es Helmuth Plessner selbst versucht, indem er sich selbst in Anwesenheit anderer Wesen, die er vermutlich auf der Stufe der exzentrischen Positionalität verortete, die Frage stellte, Was ist Bewusstsein?, und diese gleichsetzte mit ‚Was bin ich?. Und eine Antwort auf diese Frage war er sich sicher geben zu können: „Ich bin hier diese Person, ich bin der aus Leib und Seele und Geist zusammengesetzter Träger, Mittelpunkt all dieser Akte.“
Das menschliche Bewusstsein ist also die Aushandlung von natürlichem Aspekt des Eingeordnetseins und Reflexionsaspekt innerhalb eines Menschen, also die Erweiterung der tierischen Subjekt-Objekt Beziehung um die Reflexionsaspekt. Während dem Tier Bewusstsein, entsprechend seiner Eingepasstheit in die Umwelt, gegeben ist, damit es auf aktuelle Aktionserfordernisse reagieren kann, ist dem Menschen auf Grund seiner Weltoffenheit und Nichtfestgestelltheit das Bewusstsein vom Bewusstsein gegeben, also das Selbstbewusstsein.